Eingebildete Models oder: Darf sich bitte jeder finden, wie er will?

Vorwort: Mit dem Text ist längst nicht alles gesagt, was ich sagen wollen würde, der Text ist irgendwie unfertig, man könnte daraus ein ganzes Buch machen. Vielleicht sieht man ihn am besten als aktuelles Statement auf ein aktuelles Ereignis (ok, er lag bei mir schon ein halbes Jahr lang unveröffentlicht herum, es ist nicht wirklich aktuell), da nur ein Aspekt beleuchtet wird und der ganze Rest für andere Texte übrig gelassen wurde.

Ständig liest man Sprüche (oft mit stark gefilterten Fotos unterlegt), die einem sagen, dass man sich selbst lieben muss. Dass man sich in seinem Körper so wohlfühlen soll, wie er ist. Dass alle Menschen schön sind, genau so wie sie sind.

Was für eine Scheiße. Was soll denn das? Muss ich jetzt jeden Tag in den Spiegel gucken und mich perfekt finden, egal wie ich aussehe? Auch wenn ich zwei riesige Pickel auf der Nase habe und kräftige Oberschenkel? Oder wenn ich ein Pölsterchen am Bauch habe? Oder wenn ich so dünn bin, dass die Rippen rausstehen? Nein, muss ich nicht. Mich darf an meinem Körper auch mal was stören. Ich darf mich auch mal nicht wohlfühlen. Wenn mich nichts stört und ich ganz bewusst sagen kann, dass mir mein Körper gerade tatsächlich gefällt wie er ist und ich ihn wirklich schön finde, dann kommt auch direkt jemand um es als selbstverliebt und eingebildet zu bezeichnen. Ich DARF meinen Körper also quasi gar nicht schön finden.

Wie viele Kommentare ich dazu inzwischen gesammelt habe, dass ich Bilder von mir selbst in meiner Wohnung hängen habe, ist faszinierend. Wenn man sich aber wildfremde Menschen an die Wand hängt, egal ob nackt oder bekleidet, ist das normal. Kalender mit nackten Models hängen in jeder Autowerkstatt. Aber wenn das Model aus diesem Kalender sich das Bild selbst ins eigene Schlafzimmer hängt, ist sie eingebildet und selbstverliebt. Nun. Das ist ist sie nicht. Auch die steht morgens vor dem Spiegel und kneift sich in den Hüftspeck, sie hasst vielleicht ihren Bauch und sie hat bei einem Shooting Probleme hübsch zu lächeln, wenn sie genau weiß, dass ihre Figur nachher bearbeitet wird, weil sie einfach nicht so aussieht, wie sie gerne gesehen wird.

Models haben nicht umsonst oft Depressionen. Natürlich ist der Stress in dem Job ein Faktor, aber auch etwas, was selbst ich mit meinen gerade mal 100 Hobby-Shootings durchaus schon erfahren habe: Man bekommt nachher für die Fotos unglaublich viele Komplimente und die Bilder werden in den Himmel gelobt. Ja. Da freu ich mich sehr drüber. Aber so seh ich gar nicht aus! Ich lasse an meinen Bilder schon absichtlich nichts an mir retuschieren, weil ich ein Foto von mir und nicht von den Photoshop-Künsten des Fotografen haben möchte, aber trotzdem: Wenn ich in den Spiegel gucke, steht da jemand ganz anderes. Durch solche Fotos bekommt man dauerhaft den Eindruck, dass man nur in genau dieser Pose, wenn man mich speziell beleuchtet und aus der richtigen Perspektive fotografiert, irgendwie ganz gut aussehe. Aber eben nur dann. Bei einem Shooting entstehen hunderte Fotos. Und ich sehe sie mir alle an um dann die rauszusuchen auf denen ich finde, dass alles passt. Die seht ihr dann. Noch schön das Licht perfektioniert, eventuell ein kleiner Filter oder Farbeffekt, vielleicht dann doch mal einen Pickel weggemacht, die Hornhaut unter den Füßen bisschen gemildert und wenn es sein muss auch noch das Röllchen weg, das bei der Pose durch die unglückliche Haltung oder den zu engen Kleidungsrand entstanden ist. Aber die 500 anderen Bilder auf denen ich vergessen habe den Bauch bis zum Anschlag einzuziehen, einen total blöden Gesichtsausdruck habe, auf denen meine Brüste vielleicht hängen, weil ich meinen Rücken nicht fast schon schmerzhaft ins Hohlkreuz gedrückt habe, auf denen ich nicht im ganzen Körper die Spannung halte, die seht ihr nie. Aber ich sehe sie. Und ich bewerte mein Aussehen genau nach diesen Bildern. Denn es ist die Mehrzahl. Da sitze ich auch einfach mal rund gebeugt, wie ich immer sitze und an denen ich sehe, wie scheiße das aussieht, was ich jeden Tag mache. Da habe ich auch mal ein Doppelkinn, wenn ich den Kopf senke oder furchtbar abstehende Ohren, wenn ich mit Zopf aus der falschen Richtung fotografiert wurde. Und wenn der Fotograf nicht besonders erfahren ist, dann sieht auch meine 90-60-90-Figur manchmal fürchterlich unförmig aus. Man bekommt die ungeschönte Wahrheit zu sehen, man weiß nach solchen Shootings wie man aus allen Perspektiven in jeder Körperhaltung aussieht und besonders bei einem Aktshooting wollte man vieles selbst gar nicht wissen.

Und jetzt denkt euch doch mal die Models an denen für die Werbung auf den Bildern noch was retuschiert wird. Wie hässlich die sich fühlen müssen. Wenn du anscheinend so schrecklich aussiehst, dass an dir noch an allen Ecken und Enden Sachen verändert werden müssen, bis jemand dich freiwillig anderen Menschen zeigt. Wenn sogar deine Figur verändert wird, wenn deine Haut straffer gemacht wird, wenn du geschminkt wirst, bis du dich nicht mehr erkennst. Dein echtes Aussehen muss ja grauenvoll sein! Es muss ALLES an dir verändert werden bis du gut aussiehst. Dass du so überhaupt noch auf die Straße gehen kannst… Ich glaube das kann man nicht als selbstverliebt bezeichnen.

Ich bin mir sehr sicher, dass in vielen Köpfen jetzt ein großes „das ist Jammern auf hohem Niveau“ oder „die hat doch keine Ahnung, wie sich Menschen fühlen, die wirklich Probleme haben“ oder „selbst auf den besten von 500 Fotos sehe ich nicht schön aus“ erscheint. Ist es Jammern auf hohem Niveau, nur weil viele Menschen meinen Körper als schön proportioniert empfinden? Das heißt nicht, dass ich das automatisch auch tue, das ist nur eine subjektive Meinung anderer. Was sind „wirkliche“ Probleme? Sich so unwohl fühlen, dass man diesen Körper hasst und am liebsten alle Spiegel mit der bloßen Hand kaputt schlagen möchte? Wenn ja, dann hatte ich das. Es ist bei mir glücklicherweise schon ein paar Jahre her, dass ich darüber wirklich verzweifelt war, aber ich kann es nachvollziehen. Bis ich irgendwann erkannt habe, dass es für mich persönlich auch ok ist, nicht perfekt zu sein, war es ein schmerzhafter Weg. Ob das für jeden ok ist, muss man mit sich selbst ausmachen, sonst wird man wahrscheinlich etwas an sich ändern. Und auch das ist ok. Zu „selbst auf den besten Fotos…“: Wenn du dich selbst auf keinem der Bilder schön findest, ist das ausschließlich dein eigenes Empfinden. Schön ist nichts, was man IST, sondern etwas, was man subjektiv EMPFINDET.

Nochmal kurz zu mir: Ich habe in meinem Spiegel noch nie ein anderes Gesicht gesehen als mein eigenes. Auch ihr kennt nur euch im Spiegel. Ich bewerte meinen Körper genauso wie ihr euren bewertet. Wir alle haben nur den einen und wissen nicht, wie es ist, in einem anderen zu stecken.

Ich habe Phasen in denen mich ein Blick in den Spiegel aufmuntert und in denen ich aussehe, wie ich immer aussehen wollte und in denen ich mich freue genau so auszusehen wie ich jetzt in dem Moment gerade aussehe. Aber ich habe auch Phasen in denen ich jeden Blick in den Spiegel meide, weil ich mein Gesicht und meinen Körper absolut hässlich finde. Und ich finde jeder darf diese Phasen haben, auch ohne von allen Seiten zu hören, dass es doch eigentlich anders ist. Denn es ist egal, wie andere denken, dass es ist, es ist wichtig, wie man es selbst empfindet. Man kann sich nicht objektiv beurteilen. Man kann nicht denken „Aha, da ist ein bisschen Körperfett.“ oder „Aha, ich habe ein Grübchen wenn ich lache.“ oder „Aha, meine Haare sind heute ziemlich glatt.“ ohne nicht auch direkt zu wissen ob einen das stört oder ob man das gut findet oder es einfach ok ist.

Was mich aufregt, ist, dass diese subjektive Sicht auf sich selbst nicht akzeptiert wird. Wenn das Gegenüber einem sagt, wie schön es einen findet, dann darf man nicht mit „Danke, finde ich auch“ antworten, weil man dann eingebildet ist. Wenn das Gegenüber einen nicht schön findet, ist das eine tolle Sache, dass man sich selbst schön findet und man soll stolz darauf sein, dass man sich so akzeptiert. Man darf sich selbst aber auch nicht hässlich finden, weil man dann ein unrealistisches und falsches Selbstbild hat und man nicht behaupten kann, dass das nicht schön wäre, weil es sicher Menschen gibt, die das schön finden und ja sowieso irgendwie jeder Mensch eigentlich immer schön ist. Von den Modezeitschriften, die einem trotzdem sagen, dass andere Sachen noch viel schöner wären – also nicht, dass man es vorher nicht gewesen wäre, aber wenn man abnimmt und was anderes trägt, wäre es natürlich noch viel besser – will ich hier gar nicht anfangen.

Das Wort schön kam ziemlich oft vor. Das Entscheidende an der ganzen Sache ist: Es gibt keine Definition für schön. Es gibt kein „realistisches“ Selbstbild, man kann ausschließlich ein subjektives Bild von sich haben. Entweder es ist das Bild, was viele andere Menschen auch von einem haben oder man hat ein anderes, vielleicht sogar eins, das niemand sonst sieht, wenn er einen anschaut. Und auch das sollte vollkommen ok sein. Egal, ob man Unter- oder Übergewicht, eine neue Haarfarbe oder alte OP-Narben, ein Arschgeweih oder eine dritte Brustwarze hat: Man sollte sich selbst so finden dürfen, wie man will. Auch mal scheiße. Aber hoffentlich den Großteil der Zeit, ganz subjektiv, einfach schön.

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